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Ich weiß jetzt nicht, wie Sie auf diesen Beitrag gekommen sind. Vielleicht sind Sie zufällig bei Ihrer Internet-Recherche hier gelandet. Vielleicht aber sind Sie einer Verlinkung von meiner Start*- oder einer anderen Seite gefolgt.
*Zu meinem Hinweis auf die ZDF-Sendung 37° und wie ich versucht habe, Sie zu „leimen“, erfahren Sie einige Absätze weiter mehr.
Mit Augen auf! möchte ich Sie für den Psychomarkt sensibilisieren und Sie vor dem einen und anderen Reinfall bewahren.
Es ist allerdings kein Beitrag, den man nebenbei konsumiert. Wenn Sie sich für das Thema interessieren, nehmen Sie sich am besten etwas Zeit und lesen Sie ihn in Ruhe.
Mit wachem Blick
Zur Einleitung zwei Situationen aus nicht-psychologischen Bereichen:
Situation 1
Vor vielen Jahren wollte uns der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft besuchen. Ich hatte eine Versicherung von meiner Mutter geerbt, die „modernisiert“ werden sollte.
Schön, dachte ich, schauen wir mal, was mir angeboten wird.
Im Gespräch erwähnte der Herr, der mir direkt gegenübersaß, dass seine Versicherungsgesellschaft mit diesem Angebot den ersten Preis gewonnen habe und deutete mit dem Kugelschreiber auf eine fett markierte Textpassage.
Ich konnte die Unterlagen, die offenbar nicht für mich bestimmt waren, von meiner Position aus zwar nur verkehrtherum sehen, aber mir war trotzdem das winzige Sternchen am Ende des letzten Satzes aufgefallen. Deshalb bat ich darum, selbst nachlesen zu dürfen.
Der Herr zögerte. Ich blieb freundlich hartnäckig, und schließlich schob er seine Unterlagen über den Tisch.
Die Erklärung für das Sternchen fand sich ganz unten als Fußnote. Dort war zu lesen, dass die Versicherungsgesellschaft den ersten Preis für die Präsentation des Angebots gewonnen hatte.
Also nicht für das Angebot selbst. Nicht für verständliche Vertragsinhalte, nicht für ein herausragendes Preis-Leistungs-Verhältnis, nicht für exzellenten Kundenservice.
Tja, dumm gelaufen. Ich habe viel Humor, aber hier hatte der Spaß ein Loch!
Der Herr konnte sein Erklär- und Verkaufsgespräch beenden, die Kündigung folgte zum nächstmöglichen Zeitpunkt.
Situation 2
In der Augsburger Innenstadt ging ich an einer Apotheke vorbei, war schon zwei, drei Meter entfernt und kehrte zum Schaufenster zurück (vermutlich bin ich seit der oben geschilderten Situation auf Sternchen konditioniert).
Erster Preis! stand da in großen Buchstaben auf einem Plakat.
Was verbindet man für gewöhnlich mit Erster Preis! und einer Apotheke?
Ein 1A-Preis-Leistungs-Verhältnis (wobei Apotheken vor Ort bei nicht-rezeptpflichtigen Medikamenten und anderen Produkten normalerweise den UVP verlangen), zumindest aber einen Kundenumgang der Extraklasse und hervorragende Beratung. Vielleicht auch noch weitere Vorteile, die mir im Moment nicht einfallen.
So war’s aber nicht.
Folgte man dem ebenfalls winzigen Sternchen am Ausrufezeichen, wurde man am unteren Rand des Plakats in gerade noch lesbarer Schrift darüber aufgeklärt, worum es ging:
Um den ersten Preis im Marketing. Was mich als Apotheken-Kundin aber NULL interessiert!
Mit solchen Tricks setzt man darauf, dass wir zunächst nur das wahrnehmen (können), was direkt ins Auge springt und dann das Gewünschte damit assoziieren:
Dass man es mit einer tollen Sache zu tun hat. Einzigartig. Herausstechend.
Und was Vorteile und Nutzen betrifft: einfach unschlagbar!
Jetzt zu Ihnen
Wenn Sie über eine Verlinkung von meiner Startseite auf diesen Beitrag gestoßen sind und dort etwas über die Doku-Reihe 37° gelesen haben:
Bitte versuchen Sie, sich zu erinnern:
Was genau haben Sie da gelesen? Was ist hängengeblieben?
Vielleicht noch, dass es … irgendwie … um Zusammenarbeit ging?
Wie auch immer, jedenfalls wissen Sie wahrscheinlich, dass die Doku-Reihe 37° ein Sendeformat des ZDF ist, für das regelmäßig spannende Themen aufgegriffen werden. (Worauf ich hinaus will, dazu später Genaueres.)
Wirbt jemand, egal, um welche Branche es sich handelt, mit Einladungen in bekannten Fernseh- und Radiosendungen usw., scheint dies auf eine gewisse Kompetenz und Gefragtheit hinzudeuten.
Das Wichtigste nach diesem letzten Komma sind die zwei Worte scheint und hinzudeuten.
Vielfach scheint es nicht nur so, sondern glücklicherweise ist es auch so. Und eben darauf verlassen wir uns. Weil wir normalerweise weder Zeit noch Lust haben zu prüfen, ob es sich auch anders verhalten könnte.
Genau auf diese Vertrauensseligkeit stützen sich all diejenigen, die das Prinzip Schneller Blick, schnelle Bewertung zu unserem Nachteil nutzen.
Wir sollen nicht groß nachdenken, sondern bereits bei der ersten Wahrnehmung ein unbewusstes und naturgemäß undifferenziertes Urteil fällen:
gut / schlecht
Dieses undifferenzierte Urteil wiederum ist der Leitstern für alles Künftige und beeinflusst, wie wir das, womit wir noch in Kontakt kommen werden, wahrnehmen und bewerten.
Und ob wir wollen oder nicht:
Wir orientieren uns daran und beziehen diese Orientierung in alle weiteren bewussten und unbewussten Überlegungen mit ein.
Überall und alltäglich
Mit diesem Prinzip wird auch mit Vorliebe im Verkauf gearbeitet, indem man einen sog. Peisanker setzt.
Man ruft einen (vermeintlich aktuellen oder früheren) hohen Preis für ein Produkt oder eine Dienstleistung auf, und dieser hohe Preis ist ein fixer, wenn auch imaginärer Vergleichswert für die Preise, die man tatsächlich erzielen will.
Er ist der ultimative Orientierungspunkt, an dem sich andere Preise messen, selbst wenn er – nüchtern betrachtet – nicht immer realistisch ist.
Ein solches Ins-Verhältnis-Setzen fördert die Kaufbereitschaft für Produkte oder Dienstleistungen ganz generell, besonders aber zu einem niedrigeren, jedoch für den Verkäufer sehr erfreulichen Preis, den er ohne Preisanker schwerer bis gar nicht durchsetzen könnte.
Funktioniert genau so bei Preisverhandlungen wie auch bei irgendwelchen (angeblichen) Rabattverkäufen. Aber man darf’s nicht übertreiben, sonst schlägt der Effekt ins Gegenteil um.
Schauen wir uns nun meine Masche an
Ich wurde, wie ich auf meiner Startseite schreibe, von der Doku-Reihe 37° für eine Zusammenarbeit angefragt. Das war übrigens schon im Jahr 2015.
Hatten Sie das angefragt registriert?
Angefragt bedeutet nicht, schon miteinander im Geschäft gewesen zu sein.
Falls Sie das angefragt nicht wirklich wahrgenommen haben, müsste mehr unbewusst denn bewusst etwa dieses Lämpchen in Ihren Hirn aufgeleuchtet sein:
Die Frau muss gut sein, wenn sie sogar mit dem Fernsehen zu tun hat oder hatte!
Ja, vielleicht. Vielleicht aber hatte die Frau nur eine passable Website und war ideal positioniert. Ich rankte bei Google-Seite 1 auf Platz vier oder fünf, immer leicht schwankend, aber meist direkt nach den öffentlichen Beratungsstellen.
Und nachdem ich meine Website grundlegend überarbeitet hatte, kamen nicht nur über 100% mehr Anfragen von Ratsuchenden. Ich wurde auch von allen möglichen Leuten, die mich als potenzielle Käuferin oder als Kooperationspartnerin identifiziert hatten, kontaktiert.
Mit dabei waren eine Doktorandin der Psychologie, das ZDF und Kolleg:innen, darunter eine Münchner pseudo-zertifizierte Paartherapeutin, die Wissen bei mir abgegriffen hatte, ohne je etwas zurückzugeben. (Sie sehen: Das passiert auch uns Geschulten!)
Gehen wir ins Detail
Wie ist doch gleich noch mal mein Wortlaut?
… für eine Zusammenarbeit angefragt.
Das ist pfiffig und gewieft. Vor allem aber gemein!
Sprachpsychologisch sticht bei diesem Satz das Wort Zusammenarbeit heraus.
Angefragt ist nicht „emotional aufgeladen“ und für unser Limbisches System im Gehirn (u. a. für Entstehung und Verarbeitung von Emotionen zuständig) wenig interessant, daher in seinem „Gefühls-Gehalt“ geringer gewichtet. Im Grunde geht es beim raschen Lesen unter und findet kaum oder keine Beachtung.
Ganz anders die Zusammenarbeit!
Dieser Gefühls-Gehalt (da arbeiten Menschen zusammen, da läuft etwas „Menschliches“ und offenbar Wichtiges ab) ist das, was bei Werbung wirkt, nicht ausschließlich oder hauptsächlich sachliche Argumente. Es hat etwas mit der Konstruktion und Funktion unseres Gehirns zu tun. Jede und jeder, der sich intensiver mit Marketing beschäftigt, weiß es.
Für die meisten Leser:innen dürfte deshalb folgende unbewusste Verbindung entstanden sein:
Jutta Kiegeland = Doko-Reihe 37° = Zusammenarbeit = die muss was taugen!
Die Anfrage hatte es tatsächlich gegeben, ich kann sie nachweisen. Aber ich hatte damals abgelehnt, es war nie eine Zusammenarbeit zustande gekommen.
Es ging um das Thema Affäre, und ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass Klient:innen bereit gewesen wären, sich der Öffentlichkeit auszusetzen.
Und selbst wenn, hätte ich als ihre Paartherapeutin die Finger davon gelassen.
Ich muss immer auch perspektivisch für meine Klient:innen mitdenken. Man kann nie wissen, was man mit einer solchen Offenbarung lostritt und wie sich die „Langzeitfolgen“ gestalten.
Meine Behauptung, ich sei von der Doku-Reihe 37° für eine Zusammenarbeit angefragt worden, entspricht also der Wahrheit und wäre als solche nicht zu beanstanden.
Was ich allerdings auf diese Weise bei einem schnellen Drüberlesen mit guter Chance als Assoziation provozieren kann, wäre nicht sehr edel:
Ich würde erreichen wollen, dass Interessent:innen meiner psychologischen Angebote etwas Spezielles damit in Verbindung bringen:
Mehr Bekanntheit. Mehr Nachfrage. Mehr Kompetenz …
Nächstes Thema:
Unsinn!
Werbesprüche von Anbieter:innen wie
Jede Beziehung ist rettbar, wenn beide es wollen!
oder
Jedes Beziehungsproblem ist lösbar!
verbuche ich unter der Rubrik Bullshit.
Wobei tatsächlich jedes Beziehungsproblem lösbar ist. Eine Trennung ist schließlich auch eine Lösung.
Im Ernst:
Solche Behauptungen verschweigen einige wesentliche Aspekte.
Beispielsweise, dass eine schwere psychische oder geistige Erkrankung, die nicht heilbar oder ausreichend abzumildern ist, eine Beziehung verunmöglichen kann:
Beide Partner:innen wollen sich engagieren, aber es geht nicht. Mit dem üblichen Verständnis von Wollen oder Nicht-Wollen hat das nichts zu tun.
Und wer ist schuld, wenn man resigniert die Flügel hängen lässt?
Der, der aufgrund seiner Erkrankung keine Vereinbarungen einhalten und auch bestimmte Dinge nicht einsehen kann?
Oder der, der nicht mehr kann, es einfach nicht mehr aushält?
Achtung vor solchen Pauschalaussagen!
Sie zeigen unmissverständlich, wie es um die Seriosität oder vielmehr Unseriosität von Anbieter:innen bestellt ist!
Kulterfahrung inklusive
Bei Anbieter:innen aus dem angrenzenden deutschsprachigen Ausland, die auch in Deutschland aktiv sind und u. a. mit Slogans werben, die Paarberatung, Paarcoaching oder Paartherapie als nicht mehr zeitgemäß oder ineffektiv(er) abwerten, rutscht man auch noch unmerklich in eine problematische Weltanschauung hinein, die sich nur Leuten als solche erschließt, die sich auskennen.
Was Sie nicht wissen können
Wenn Sie sich darauf einlassen, kaufen Sie – mit Ausnahme von Einstiegsangeboten – nicht nur ein hochpreisiges Programm mit einer Reihe effektiver psychologischer Techniken, wie sie viele Paarbegleiter:innen in ihrer Arbeit einsetzen.
Sie kaufen zusätzlich und darin eingewoben das, was ich eine bedenkliche Ideologie nenne, was aber – logisch – nicht sofort offensichtlich ist.
In Kurzform:
Sie alleine sind Ihres Glückes Schmied! Sie allein sind Schöpfer und Schöpferin Ihres Schicksals!
Nichts und niemand kann Einfluss auf Sie nehmen – außer, Sie lassen es zu und/oder denken nicht „richtig“.
In dieser Weltsicht existieren keine Umstände, auf die Sie als einzelner Mensch nicht einwirken können und in die Sie zufällig hineingeraten, und es gibt auch keine Unglücke, die Ihnen ohne eigene „Schuld“ zustoßen.
Egal, was Ihnen widerfährt, ob positiv oder negativ:
Es hat immer mit Ihnen zu tun!
Bitte lassen Sie sich von vielen 5-Sterne-Jubel-Rezensionen nicht in die Irre führen. Menschen, die solche Texte schreiben, sind nicht mehr Herr ihrer selbst. Das inflationär verwendete Wort gehirngewaschen hat seine Berechtigung.
Und auch ganz allgemein gilt:
Wird auf einer Website ein Ausschnitt mit positiven Rezensionen aus einem Bewertungsportal präsentiert (z. B. Trustpilot), gehen Sie bitte immer direkt auf das Portal und suchen gezielt nach aussagekräftigen negativen Rezensionen.
Darüber hinaus besuchen Sie bitte unbedingt Google, wo Sie im Normalfall auf mehr negative Rezensionen stoßen werden.
Sehr viele ausschließlich 5 Sterne und nichts oder kaum etwas dazwischen sind immer zweifelhaft.
Und selbst wenn Sie einen Krampf in den Finger bekommen:
Bitte scrollen Sie sich so lange durch 5-Sterne-Rezensionen, bis Sie fündig werden. Und die negativen Rezensionen lesen Sie bitte sehr genau!
Wie im Rausch
Bedenken Sie bitte auch, dass viele 5-Sterne-Rezensionen, seien sie aus eigenem Antrieb verfasst oder erbeten worden, in einer Phase großen Wohlgefühls oder gar der Euphorie geschrieben wurden, was Sie unschwer erkennen werden.
Euphorie während eines Programms, einer Beratung, einer Therapie, eines Trainings oder Coachings, die nicht von den Anbieter:innen durch verständliche Informationen relativiert wird, ist verdächtig.
Gut, vielleicht hat man es mit unerfahrenen, naiven und schlecht oder gar nicht ausgebildeten Menschen zu tun, die nicht wissen, was passiert (ist) und den „entrückten“ Zustand ihrer Klient:innen den eigenen Fähigkeiten zuschreiben. Und sich in Folge für psychologische Super-Cracks halten.
Eine euphorische Stimmung kann auf natürliche Weise entstehen und sogar über längere Zeit anhalten.
Man kann sie aber auch gezielt erzeugen. Für psychologisch Geschulte ist das kein Kunststück.
Dass man in einem solchen Zustand
- eine glückliche Stimmung,
- die augenblickliche (scheinbare) positive Persönlichkeitsveränderung und
- einige eindrucksvolle Verbesserungen im sozialen Miteinander
mit realen Veränderungen verwechselt, die auch noch nach Jahren Bestand haben, ist verständlich und normal. Psychosekten und zwielichtige Gestalten arbeiten auf diese Weise.
Ich habe solches schon erlebt. Mehrmals!
Wer? Wie? Was?
Bitte auch Vorsicht vor Anbieter:innen, auf deren Über mich-/Über uns-Seite Sie nur wohlklingende Worte über Motivation, Einstellung, Arbeitshaltung usw. lesen, ohne jedoch griffige Informationen zu Aus- und Weiterbildungen zu erhalten.
Das Gegenteil ist eine Endlos-Liste mit größtenteils nichtssagenden Bezeichnungen, dazu jedoch keine weiteren Erläuterungen.
Egal, denkt man vielleicht – schließlich kann man sich zu einem kostenfreien ersten Gespräch anmelden. Da ist nichts verloren.
Schade, dass Sie meinen Gesichtsausdruck nicht sehen können:
Haben Sie in einem solchen Fall bitte auf dem Radar
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie sich in einem dem Anschein nach empathischen, in Wahrheit aber knallharten Verkaufsgespräch wiederfinden werden. Die emotionalen Fußangeln gibt’s gratis dazu.
Hierbei geht es zumeist um höherpreisige Angebote. Eventuell für den Einstieg noch im Rahmen, aber dabei wird es nicht bleiben.
Möchten Sie weiterkommen, müssen Sie aufstocken und in sich und Ihre Beziehung „investieren“.
Wenn Sie das nicht wollen, sind Sie offenbar noch nicht soweit, Sie sind es sich nicht wert oder Sie haben etwas Grundlegendes noch nicht verstanden …
Testimonials
Die Aussagekraft von Video-Testimonials und Jubelstatements (J. H. aus L. schreibt: …) auf Websites mit speziellen Programmen, die meist dank eines Gesponsert oder Anzeige (zeitweise) auf der ersten Google-Seite ganz oben erscheinen, ist begrenzt.
Bei einem dieser Anbieter finden sich Video-Testimonials mit angeblich wieder glücklich gewordenen Paaren, z. B. aus Augsburg oder München, mit Vornamen vorgestellt und samt und sonders in schönstem Hochdeutsch (mit einer Ausnahme: ein Herr hat einen Schweizer Akzent).
Auch die Texte unter den Videos, als Zitate dieser Paare gekennzeichnet, haben Textexpert:innen-Niveau. Schwer vorstellbar, dass sie von „normalen“ Menschen geschrieben wurden.
Aber schauen Sie doch mal (Screenshots vom 27.09.2025) – sicher fällt Ihnen Dasselbe auf wie mir:












Undsoweiterundsofort, von Nord nach Süd und von West nach Ost. Bundesweit. Es werden immer dieselben Videos präsentiert.
Von den stolzen Preisen fange ich erst gar nicht an. Die sind auch nicht mehr wichtig. Wer schon bei den Testimonials lügt, dass sich die Balken biegen, ist raus. Bei mir jedenfalls.
Und vollmundige Behauptungen, wie viele Tausende von Paaren man schon ins Glück therapiert haben will, sind nicht nachprüfbar. Wie auch?
Deshalb funktioniert es auf dieser Welt mit Behauptungen so gut. Die meisten muss man so stehen lassen. Man kann sie nur zur Kenntnis nehmen und glauben.
Oder auch nicht.
Berühmt und begehrt (?)
Und auch noch einige allgemeine Hinweise zu diesem immer wieder zu lesenden Bekannt aus:
Recherchen führen nicht selten zu kläglichen Ergebnissen.
Wenn irgendwelche Medien als Nachweis für Expertise genannt werden, dann ist dieses Bekannt aus häufig völlig überdimensioniert. Als wäre man ständig eingeladen und müsste unentwegt Interviews geben oder Beiträge schreiben und käme nicht mehr hinterher.
Bekannt ist man, wenn man langjährig beispielsweise als Autor:in aktiv ist, die Öffentlichkeit sucht und es zumindest hin und wieder auf verschiedene Bestseller-Listen schafft.
Bekannt ist man nicht, weil man einmal hier oder dort zu Gast gewesen war oder ein Artikel(chen) in einer Zeitschrift, einer Zeitung oder sonstwo erschienen ist!
Beinahe hätte ich’s vergessen
Legen Berater:innen, Coaches, Trainer:innen und Therapeut:innen ihr Marketing vertrauensvoll in die Hände einer Agentur, wird gern dazu geraten, Logos und Labels zu integrieren. Man liest dann beispielsweise Kooperationspartner: […].
Ein interessiertes Nachforschen offenbarte beispielsweise bei einer Anbieterin psychologischer Leistungen, dass der Kooperationspartner die Werbeagentur selbst ist. Das Web-Design ist unzweifelhaft wiederzuerkennen.
Und eine andere Zusammenarbeit?
Weder bei der Betreiberin der Website selbst, noch bei den Kooperationspartner:innen erhält man einen weiterführenden Hinweis, worin denn die Kooperation bestand oder besteht:
Ist sie externes Teammitglied? Teil eines Expert:innen-Netzwerks? Oder hatte sie lediglich einmal einen wie auch immer gearteten Auftrag angenommen oder vergeben?
Völlig egal.
Es geht nicht um was, wie viel oder wie relevant.
Unter Ausnutzung einer Funktion unseres Gehirns, Informationen ohne tiefergehende Prüfung schnell zu bewerten und einzuordnen, kann unmittelbar eine gewünschte positive Verknüpfung hergestellt werden, ohne befürchten zu müssen, dass jemand genauer hinsieht. Sie kennen das Prinzip ja schon von weiter oben.
Denn in aller Regel, so die unbewusste Vorstellung, hat mit einem werbewirksamen Kooperationspartner alles seine Richtigkeit.
Wer würde etwas erwähnen, das nicht von Bedeutung ist? Man kennt es von wichtigen Leuten. Ergo müssen diejenigen, die es ihnen gleichtun, ebenfalls wichtig (= kompetent) sein.
Hauptsache Eindruck
Bekannt aus steht dabei nicht weniger unter Taschenspielertrick-Verdacht als Kooperationspartner. Haken skeptische Gemüter auch hier einmal nach, weil sich nichts finden lässt (kein Beitrag, kein Interview usw.), stoßen sie vielleicht auf eine banale Werbeanzeige!
Oder wie im Fall des damals gerade erst gegründeten Coachingunternehmens zweier Damen, die sich auf Existenzgründungsberatung spezialisiert haben, so dass noch gar keine Bekanntheit entstanden sein konnte:
Bekannt aus bezieht sich auf einen anderen Business-Zweig einer der beiden Ladies. Dieser beschäftigt sich – na, wären Sie darauf gekommen? – mit der Organisation von Hochzeitsfeiern auf lokaler Ebene …
Wer aber kennt ein solches Unternehmen, außer jenen Leuten, die schon einmal als Kund:innen damit Kontakt hatten oder denen beim Durchblättern der Zeitung eine Annonce ins Auge gefallen war?
Und was bitte hat das mit Existenzgründungsberatung zu tun?
Ich hatte nachgesehen, weil ich wissen wollte, wie ein so junges Unternehmen zu einem Bekannt aus kommen kann und ich mit der angeführten Quelle nichts anzufangen wusste.
Sieglein, Sieglein …
Lassen Sie sich bitte auch nicht von irgendwelchen Siegeln oder nicht überprüfbaren Bezeichnungen und Verweisen auf Medien wie Zeitungen, Radio- und Fernsehsender bezirzen.
Beispiele:
Einer der führenden Beziehungs-Coaches Europas […]
(Führend in welcher Hinsicht? Fachlich und auch sonst habe ich da enorme Zweifel! In punkto Marketing allerdings könnte es hinkommen …)
oder
Bester Paarcoach Deutschlands
(Verglichen mit wem? Wie viele Paarcoaches bundesweit stehen denn in direktem Kompetenz-Vergleich? Auf welcher Basis, mit welchen Kriterien?)
Solche Aussagen können weder bewiesen noch widerlegt werden. Wie will man das auch anstellen?
Wohin gucksch du?
Gemeinhin werden Siegel gern strategisch günstig plaziert. Manche sind echt, etliche dagegen sind gekauft, so etwa die Siegel des Magazins Focus. Viele Menschen wissen das nicht.
Ich bin auch schon bei einem Weiterbildungsanbieter hereingefallen. Total veraltetes schriftiches Material! Aber jedes Jahr gibt’s ein neues Focus-Siegel Top-Weiterbildungsanbieter auf der Website und den Schulungsunterlagen.
Und vermutlich werden viele sonstige, weniger „hochwertige“ oder bekannte Siegel mit einem Hinter-Gedanken verwendet, auf den Sie bereits gestoßen sind:
Dass doch bitte die gewünschte Assoziation der Kompetenz entstehen, kein Mensch genauer hinsehen und, Gott bewahre, vielleicht auch noch recherchieren möge!
Was ich selbstverständlich niemandem pauschal unterstellen will. Aber ich kann es auch nicht ausschließen.
Ein Paarberater führt in der Fußzeile seiner Website ein rundes Siegel mit der Bezeichnung „Cert-EU“ in der blauen und mit goldenen Sternchen verzierten Mitte.
Hm, fein, ist da jemand vielleicht EU-weit zertifiziert?
Tut mir leid. Es geht nur um SEO, das heißt:
Um eine herausragend suchmaschinenoptimierte Website, wofür er 2020 dieses „Gold Zertifikat SEO“ erworben hat.
Das steht allerdings nicht in der Mitte des Siegels, sondern am Rand; man sieht es nicht gleich.
Was beim raschen Scannen optisch hängenbleibt, ist das Cert-EU und die Sternchen, auf die wir als Konsument:innen inzwischen alle konditioniert sind.
Mich als Ratsuchende interessiert es aber nicht für fünf Pfennig, ob seine Website zig technische und inhaltliche Kriterien erfüllt (Achtung: hier geht’s nicht um fachlich geprüfte Inhalte!). Ich will wissen, ob der Mann was Vernünftiges anzubieten hat.
Als jemand, der sich kritisch auch mit der Art, wie jemand wirbt, auseinandersetzt, richte ich meine Aufmerksamkeit auf Aussagen und Behauptungen.
Und was ich da von diesem angeblich zertifizierten Paarberater lese, gefällt mir nicht:
Denn wer behauptet, dass Paartherapie grundsätzlich ein Marathon ist, wohingegen das eigene Konzept einem Sprint gleichkommt (meine Wortwahl), stärkt Vorbehalte und schürt sogar Ängste. Zu Unrecht!
Aber mit Angst (oder Panik) verkauft man einfach besser. Ist leider so und funktioniert, seit es Handel gibt.
Mitglied in Verbänden
Mit Verbands-Logos steht leider auch nicht alles zum Besten.
Das gibt es Verbände, die in einem sich selbstbefruchtenden Prozess Leute zertifizieren, die zuvor bei den ihnen geschäftlich angeschlossenen Schulen, Akademien und Instituten eine Ausbildung absolviert haben.
Verbände aber sollten unabhängig sein. Schon gleich dreimal, wenn sie zertifzieren wollen.
Eine Schippe drauf legen Verbände und Gesellschaften, die genau das tun UND:
Sie zertifizieren Anwender:innen einer häufig anzutreffende Methode, die wissenschaftlich bislang nicht als wirksam bestätigt wurde (was auch schwierig sein dürfte) und die nicht das zu halten scheint, was wohltönend versprochen wird.
Durch ihr ganzes eher unverständliches Wording jedoch rücken sie diese Methode in die Nähe eines tatsächlich wissenschaftlich anerkannten Verfahrens.
Wie ich einmal irgendwo gelesen habe, soll es allein in Deutschland um die 300 Beratungs- und Coaching-Verbände geben.
Wenn das stimmt:
Wer soll da noch durchblicken?
Ich fasse zusammen
Siegeln und Verbands-Logos begegnen Sie, sofern Sie sich nicht auskennen und nicht wissen, wie Sie nachforschen sollen, am besten mit Skepsis. Denn wenn Sie ihnen vertrauen wollen, werden Sie um eine Recherche nicht herumkommen.
Bei einer Reihe von Verbänden wird bei einer gewissenhaften Recherche relativ rasch klar:
Das ist eine seriöse Angelegenheit, beispielsweise beim ICF, der International Coaching Federationen mit „harten“ Zugangsvoraussetzungen.
Bei vielen anderen wird gar nichts klar. Sie müss(t)en in die Tiefe gehen.
Und dafür wiederum brauchen Sie entsprechende Kenntnisse. Da Sie diese als fachfremder Mensch nicht haben, sollten Sie misstrauisch bleiben und meinen Rat befolgen, sich nicht davon beeindrucken zu lassen:
Tun Sie, als würde es diese Siegel und Verbands-Logos nicht geben, und achten Sie auch auf das, was Ihnen weniger zusagt und was Ihnen mit Ihrem augenblicklichen Wissenstand auffällt.
Etwa, dass das Verfahren X oder Y in die pseudowissenschaftliche Ecke gehört oder dass Sie außer Fachbegriffen keine weiteren Informationen zur Ausbildung erhalten.
Ach ja:
Bitte Vorsicht vor Anfragen an die Google-KI & Co.!
KI kann nur die Informationen verarbeiten, die sie im Internet findet und/oder mit der sie gefüttert wurde, und kritische Beiträge existieren nur vereinzelt.
Die große Masse an Verbänden segelt unter einer für Laien nicht identifizierbaren Flagge.
Und selbst für Profis ist es nicht immer leicht, die hübsch gestrichene Bordwand vom (hoffentlich) gut arbeitenden Maschinenraum zu unterscheiden.
Nicht kleckern – klotzen!
Der Umstand, dass man neben der eigenen Beratungs- und Therapietätigkeit auch noch selbst Berater:innen, Therapeut:innen und Coaches ausbildet, heißt nicht viel. Besser kann man kaum eine Stange Geld verdienen.
Es handelt sich dabei um kein verlässliches Merkmal, dass Anbieter:innen a) seriös und b) tatsächlich kompetent sind.
Zufällig sind mir knappe Auszüge aus Schulungsunterlagen eines Anbieters aus der Region München, den ich schon länger aus unterschiedlichen Gründen kritisch beäuge, in die Hände gefallen.
Da wird etwas in einer „Art“ Grafik dargestellt, die ich zwar kenne, jedoch nie im Leben wiedererkannt hätte – ohne die beigefügte Erklärung keine Chance.
Meine Vermutung:
Hier hat jemand etwas nicht verstanden!
Gleiches dürfte für die „Ausgebildeten“ gelten.
Wie ich immer sage
Besorgen Sie sich ein Stück Pappe und einen Filzer und schreiben Institut oder Akademie (oder sonst etwas in dieser Richtung) drauf.
Gehen Sie zu Ihrer Haustür oder an den Gartenzaun, befestigen es, melden sich beim Finanzamt an … voilà: Fertig ist die Ausbildungsstätte! Zumindest formal.
Dazu noch einige Qualität suggerierende Siegel, wobei die Adressen der Verbände, die diese Siegel verleihen – ja sowas! – mit Ihrer Adresse identisch sind.
Nimmt man sich die Zeit (aber wer hat die schon?) und recherchiert gründlich und mit Leidensfähigkeit, bleibt so manches Mal nur noch der Ausruf mit drei Buchstaben:
O je!
Bücher
Das Schreiben von Büchern ist heutzutage gang und gäbe und dient nicht selten dem alleinigen Zweck, eine tatsächliche oder vermeintliche Expertise zu untermauern.
Aber jeder ist heute Experte. Es gibt eine regelrechte Experten-Sintflut.
Auch Ghostwriter und sogar spezialisierte Agenturen bieten hierfür ihre Dienste an.
Je nach Thema hat man gute Chancen, Aufmerksamkeit zu erhalten (vor allem, wenn der Verlag kräftig mithilft, Rezensionsexemplare verschickt und die Verfasser:innen zu regelmäßiger Präsenz in den Sozialen Medien anhält):
Radiosendungen, Fernsehauftritte, Zeitungsartikel, Interviews für Zeitschriften, man hält Lesungen … und ist manchmal einfach nur Lückenfüller, weil es in der Lokalpresse nichts Interessanteres zu berichten gibt.
Aber man kann sich Autor:in nennen und ein Schild in die Höhe halten – Sie ahnen, was jetzt kommt:
Bekannt aus …
Die angebliche Expertise wird mit guter Wahrscheinlichkeit von niemandem überprüft. Ebenso wenig, ob die eine oder andere Theorie oder Weltsicht etwas schräg sein und unter Ideologieverdacht stehen könnte.
Als Vertreter:in der Medien liest man meist nur quer, weil man gar nicht die Zeit hat, sich durch hundertfünfzig, zwei- oder dreihundert Seiten zu kämpfen. Manchmal muss der Klappentext und die Beschreibung auf dem Buchrücken ausreichen.
Davon abgesehen werden viele Werke im Selbstverlag herausgebracht oder gleich als eBook auf der eigenen Website vermarktet.
Autor:in jedenfalls klingt immer gut. Klingt nach mehr. Klingt nach Kompetenz.
Und nein:
Das ist nicht der Neid der Besitzlosen. Mein zweites Buch (unter Pseudonym) nach vielen Jahren, Kategorie Belletristik, ist in Arbeit und ein reines Spaß-und-Hobby-Projekt.
Mein erstes Buch war bei einem größeren Verlag erschienen. Ich hatte etwas ganz anderes schreiben wollen, mich dann aber dazu überreden lassen (weil es besser in die Reihe passte) und war letztlich unglücklich gewesen, dass ich Lesungen halten, im Fernsehen auftreten und Radiointerviews geben „musste“.
Wenn man keine Freude am Thema und daher keinen „Herzens“-Draht zu dem hat, was man schreibt, sollte man es sein lassen. Das gilt für Bücher wie für alles andere.
Das passiert mir nicht mehr!
Fazit
Dass sich in der medialen Welt so allerlei – Sie wissen schon! – tummelt, ist kein Geheimnis.
Und dass eine gewisse Medienpräsenz, mit der man heftig „winkt“, kein hieb- und stichfester Nachweis für Qualifikation und Qualität ist, auf jeden Fall aber für geschicktes und ausdauerndes Marketing, erfährt man, wenn man tiefer in die Materie einsteigt.
Deshalb bitte für dieses wie für alle anderen Themen:
Augen auf!
Zu Psycholog:innen, die auf ihr wissenschaftliches Studium pfeifen und in die Unwissenschaftlichkeit abgedriftet sind – das sind gar nicht so wenige! – und zu Anbieter:innen, die Bezeichnungen verwenden, die akademisch klingen (sollen), schreibe ich noch eine Ergänzung oder einen Extra-Beitrag.
